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Wenn eine Diskriminierungsdimension angesprochen wird, werden dann nicht andere Dimensionen automatisch mitberücksichtigt?

 

Zum Beispiel: Wenn Geschlechtergleichheit adressiert wird, profitieren davon nicht alle Frauen aus allen Altersgruppen, sozio-ökonomischen Verhältnissen und allen sozialen Zugehörigkeits-Kategorien wie “race”, Ethnizität, Religion und sexueller Orientierung?

 

Theoretisch ja, in der Praxis ist das nicht so. Ausschluss- und Diskriminierungsprozesse kommen in sozialen Bewegungen vor, auch wenn das nicht intendiert ist, aber alle sind daran beteiligt, weitere systemische und strukturelle Ungleichheiten zu produzieren.

 

Während Gruppen wie “Frauen”, “Schwule”, “Lesben” und “People of Color” heterogen und divers sind, gilt dies nicht für die Narrative und Archetypen, die diese Gruppen repräsentieren. Stattdessen sind jene Interessen, Erzählungen und Bilder derer vorherrschend, die die größte politische, ökonomische und soziale Macht innehaben. Daraus resultiert, dass die Rechte, Interessen und Stimmen von Minderheiten innerhalb dieser Kategorien tendenziell übersehen und marginalisiert werden.  

 

Ohne einen expliziten intersektionalen Ansatz tendieren Gleichstellungs- und Antidiskriminierungspolitiken dazu, die Diskriminierungsmuster, die sie zu bekämpfen suchen, zu reproduzieren, weil strukturelle Diskriminierungsprozesse alle Bereiche von Gesellschaft  - Antidiskriminierungs- und Social Justice-Arbeit inbegriffen - durchziehen.

Ist es nicht sinnvoller sich auf eine Diskriminierungsdimension zu fokussieren?

 

Bei Intersektionalität geht es nicht darum, alle Diskriminierungsformen auf einmal zu bekämpfen. Das wäre tatsächlich nicht möglich. Ein intersektionaler Ansatz versucht vielmehr, Exklusions- und Marginalisierungsprozesse innerhalb von Antidiskriminierungsbestrebungen zu identifizieren, die sich lediglich auf eine Diskriminierungsdimension fokussieren. Es geht darum, Diskriminierung im Kontext von Diskriminierung zu bekämpfen, sich gegen Ungleichheiten im Rahmen von Ungleichheiten zu richten und darum, Minderheiten innerhalb von Minderheiten zu schützen.

 

Zum Beispiel werden Binnen-Ungleichheiten innerhalb der Kategorie “Frau” solange nicht sichtbar werden, bis wir uns von einem dichotomen Denken in den Kategorien Männer/Frauen verabschieden, um weitere Dimensionen wie “race”, Religion, die sexuelle Orientierung, den sozio-ökonomischen Status und Geschlechtsidentität mit einzubeziehen.   

 

Ähnlich verhält es sich mit den spezifischen Interessen und Bedürfnissen von rassialisierten, ethnischen und religiösen Minderheiten innerhalb von LGBTQI* Bewegungen - sprich LGBTQI* Geflüchteten - ihre Bedürfnisse werden meisten nicht ausreichend berücksichtigt, weil ihre Erfahrung innerhalb der größeren Bewegung marginalisiert wird. Ihr Ausschluss kann darauf zurückgeführt werden, dass ihre kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten oft für inkompatibel mit ihrer sexuellen Orientierung oder Identität gehalten werden. Diese Ungleichheiten und Binnen-Diskriminierungsprozesse anzuerkennen, ist die Voraussetzung für eine Politik und Gesetzgebung, die im Feld von Geschlechter- und Chancengleichheitspolitiken effektiv sein will.

 

Ein intersektionaler Ansatz sorgt dafür, dass niemand im Kampf für Gerechtigkeit, Gleichheit und Gleichstellung übergangen oder benachteiligt wird. Er verspricht, dass Communities und soziale Bewegungen innere Differenzen mitberücksichtigen und sich trotzdem für Gleichheit und Gleichstellung einsetzen. Er verhindert, dass eine Diskriminierungsform auf Kosten einer anderen bekämpft wird.

Wie funktioniert das in der Praxis?

 

Intersektionalität ist ein relativ neues Konzept in europäischen Public-Policy-Kontexten, und es bedarf vieler Fortschritte in den Weisen wie Politik und Gesetze - und ihre Implementierung - intersektionale Diskriminierung und Ungleichheit adressieren könnten. Eine mangelnde Klarheit davon was intersektionale Diskriminierung bedeutet, wie sie funktioniert und was ihre Effekte sind, gepaart mit dem Glauben, dass soziale Kategorien automatisch Differenzen (siehe Q4, z.B. dass die Kategorie “Frau” automatisch alle Frauen miteinschließt) mitberücksichtigen, führt dazu, dass inadäquate politische und rechtliche Antworten auf intersektionale Diskriminierung gefunden werden.

 

Das Center for Intersectional Justice zielt durch die Versorgung mit konkreten und effektiven Instrumenten und Methoden, die zu intersektionaler Gerechtigkeit führen sollen, darauf ab, diese Lücken zu schließen. Zum Beispiel kann so die Umsetzung einer Gleichstellungspolitik die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen schließen, ohne die Ungleichheiten zwischen Frauen zu erhöhen, oder versichert werden, dass Migrations- und Asylpolitik, insbesondere mit Blick auf Familienzusammenführung, weibliche Migrantinnen nicht ihrer Handlungsfähigkeit oder Autonomie berauben. Das alles kann durch gründliche Politikforschung, direkte Advocacy-Arbeit und Politikberatung erreicht werden.

Was ist intersektionale Gerechtigkeit?

 

Intersektionale Gerechtigkeit meint die faire und gleichberechtigte Verteilung von Wohlstand, Chancen, Rechten, politischer Teilhabe und Macht in der Gesellschaft. Sie basiert auf den Konzepten von Gleichheit, rechtlichen und sozialen Rechtsansprüchen. Intersektionale Gerechtigkeit zielt auf die wechselseitigen Wirkweisen von struktureller Privilegierung und Benachteiligung, z.B. dass die Benachteiligung der einen* die Privilegierung der anderen* bedeuten kann. Aus diesem Grund müssen diskriminierungskritische Handlungen Personen und Gruppen ins Zentrum stellen, die mit den höchsten strukturellen Barrieren in der Gesellschaft konfrontiert sind, was auf der Idee beruht, dass wenn wir die Menschen erreichen, die den größten strukturellen Benachteiligungen ausgesetzt sind, wir auch alle anderen erreichen können.

 

Intersektionale Gerechtigkeit versteht Diskriminierung und Ungleichheit nicht als Resultat von individuellen Entscheidungen und Absichten, sondern vielmehr als Effekt von systemischen, institutionellen und strukturellen Verhältnissen. Deshalb kann intersektionale Gerechtigkeit durch jene Institutionen erreicht werden, die direkt und indirekt für die Verteilung von Chancen und Ressourcen zuständig sind, inklusive des Schulsystems, des Arbeitsmarktes, des Gesundheits- und Sozialversicherungssytems, des Steuerwesens,  des Wohnungsmarktes, der Medien und des Banken- und Kreditwesens.

Was ist Intersektionalität?

 

Das Konzept der Intersektionalität beschreibt die Weisen, in welchen Ungleichheitssysteme, die auf sozialen Kategorien wie Geschlecht, Rasse, Ethnizität, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität, Behinderung, Klasse und anderen Formen von Diskriminierung basieren, sich „überkreuzen“ und “überschneiden”, und einzigartige Dynamiken und Effekte nach sich ziehen. Wenn eine muslimische, Hijab-tragende Frau zum Beispiel diskriminiert wird, dann wäre es unmöglich, ihre weibliche* von ihrer muslimischen Identität zu trennen und die Dimension(en), die ihre Diskriminierung bedingen, isoliert voneinander zu betrachten.

 

Alle Formen von Ungleichheit verstärken sich gegenseitig und müssen daher gleichzeitig analysiert und adressiert werden, um zu verhindern, dass eine Ungleichheitsstruktur die andere verstärkt. Die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen beispielsweise allein auf der Geschlechterebene zu kritisieren, ohne weitere Dimensionen wie z.B. Religion, den sozio-ökonomischen Status und Aufenthaltsstatus mitzuberücksichtigen, würde dazu führen, die Ungleichheiten unter Frauen* zu verstärken.     

 

Intersektionalität führt unser Verständnis von systemischer und sozialer Ungleichheit auf eine andere Ebene, indem sie versucht, die Linien zu entwirren, welche das komplexe Netz von Ungleichheiten schaffen. Sie ist auch ein praktisches Werkzeug, das benutzt werden kann, um intersektionale, ineinandergreifende, wechselseitige Diskriminierungen durch Policies und Gesetze zu bekämpfen.

 

* Wir erkennen die grenzenlose Weite von Geschlechteridentitäten und -ausdrucksweisen an, und begrüßen diejenigen unter uns, die gegen, außerhalb und jenseits von Binaritäten leben. Was wir meinen, wenn wir hier von “Frauen und Männern” schreiben ist niemals fix, unveränderlich oder determiniert.